
Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt (Monatsspruch für Juni, Hebräer 13, 3)
Der (nicht genauer bekannte) Autor des Hebräer-Briefes hält es ähnlich wie der Apostel Paulus: Er gibt den Adressaten am Ende noch einige gute Ermahnungen mit auf den Weg. So erinnert er an die geschwisterliche Liebe, an die Gastfreundschaft, an die eheliche Treue. Und in unserem Vers erinnert er an die Gefangenen und Misshandelten: Man möge an sie denken, als sei man selbst in Fesseln. Sicherlich meint er hier in erster Linie verfolgte Christen, doch beschränkt er sich nicht ausdrücklich darauf. Leider sind wir nicht in der Lage, solche Aufforderungen lächelnd beiseitezuschieben mit der Begründung, das sei lange her und ohne Bedeutung für uns Heutige. Das tun gerade wir Christen ja ganz gerne im Blick auf die biblische Botschaft. Wir sind, Gott Lob, aufgeklärt und dürfen das Buch der Bücher „historisch-kritisch“ lesen mit der ungeheuren Überlegenheit der Moderne! Pech für uns, dass solche Argumente nun bei dieser Ermahnung so gar nicht ziehen:
Zu Unrecht Gefangene und Misshandelte gibt es zuhauf. Beginnen wir mit den verfolgten Christen in aller Welt, erscheint vor dem geistigen Auge schon eine erschreckend große Menge von Menschen, die nur um ihres Glaubens willen verfolgt, inhaftiert, gequält und ermordet wurden und werden. Die Liste der Länder, in denen das forciert und genüsslich praktiziert wird, ist lang, Nord- Korea nur ein Extrembeispiel. Nehmen wir die Länder dazu, die solche Verfolgung einzelner Gruppen dulden und sich im Wegsehen üben, geraten auch sich hochmodern-demokratisch gebende Staaten wie Indien ins Zwielicht. Soviel zur modernen Christenverfolgung. Ergänzen wir nun die Masse unschuldig Eingekerkerter (auch in freiheitlichen Staaten geschieht ja dergleichen leider manchmal), begreifen wir allmählich die Größenordnung, der unsere Fürbitte sich widmen soll. Man könnte daran ohne weiteres verzagen.-

Kürzlich feierten wir den Sonntag „Rogate“, der bereits im Namen zum Beten auffordert. Es wird nirgends behauptet, das sei einfach. Und es wird genauso wenig behauptet, nur durch unser Gebet würde alles gut. Viele Bitten scheinen ungehört zu verhallen auf dem Weg zwischen Erde und Himmel. Niemand beantwortet uns die Frage, warum das so ist. Aber es entbindet uns genauso wenig jemand von der Pflicht, jawohl, es ist eine Pflicht, unermüdlicher Fürbitte. Wir dürfen jegliche Bitte vor Gott bringen, erklärte der Heiland seinen Jüngern. Das gilt weiterhin unbeschränkt; es gilt erst recht, wenn es unsere Nächsten betrifft, Christen wie Nichtchristen. Beten sollen wir, als seien wir selbst betroffen! Noch deutlicher kann man es kaum sagen. Allein das Bewusstsein, dass andere für einen Gefangenen beten, kann ihn stärken, weit über ein für uns vorstellbares Maß hinaus.

Ich las kürzlich von einem ukrainischen Soldaten, der in russischen Gefangenenlagern übel behandelt und gefoltert wurde. Man fragte ihn, wie er das überstanden habe. Nur durch die Überzeugung, dass viele Menschen für ihn gebetet hätten, antwortete er. Ja, es gibt die Glaubenszeugen, auch heute noch, und sie lehren uns, wieviel das Gebet ausrichtet.-
Gefangene sind nicht die einzigen, denen unsere Fürbitte gelten soll, aber sie sind ein unendlich wichtiger Teil davon. In den unschuldig Gefangenen nämlich manifestiert sich am schlimmsten der menschliche Ungehorsam Gott gegenüber, und solchem Ungehorsam entgegenzutreten ist Aufgabe aller Christenmenschen, in Wort und Tat. Zum Wort aber gehört das Gebet. Wir allein richten nichts aus. Wir erhalten gratis, also aus Gnaden, den Heiligen Geist. Unsere Antwort: Gehorsam und Gebet. Das ist beides unmodern, doch der Vater Jesu Christi pflegt nicht zu fragen, was gerade „à la mode“, also modern ist. Er fragt nach unseren Herzen, die wir im Gebet ihm öffnen, ihm allein – für Gefangene und Hilfsbedürftige aller Art.
Ihr Pfarrer A. Babin