
Dank sei Gott
„Gott sei Dank“ – so sagen es viele Menschen … Ich will glauben, dass es nicht nur eine Floskel ist, sondern ein Ausdruck dafür, dass sich die Dankbarkeit an etwas Unverfügbares richtet – eben an Gott.
Am ersten Oktoberwochenende liegen der Tag der deutschen Einheit und das kirchliche Erntedankfest nah beieinander, Freitag und Sonntag. Ein schönes langes Wochenende – diesmal dank eines staatlichen Feiertages. Zwei Feiertage, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben. Aber beide Feste wollen daran erinnern, dankbar zu sein. Dank für die deutsche Einheit und Dank für die Ernte. In unserer Sprache unterscheidet die Worte Danken und Denken nur ein Buchstabe. Auf Thomas Mann geht dieser Satz zurück: „Denken und danken sind verwandte Wörter; wir danken dem Leben, in dem wir es bedenken.“ Wer denkt, der dankt. Oder mit anderen Worten: Wer nachdenkt, erinnert Gründe zum Danken.

Trotz vielfältiger Herausforderungen in unserem Land, bin ich noch immer sehr dankbar für die deutsche Einheit. Ein ‚ostalgischer‘ Blick auf die Vergangenheit geht mir völlig ab. Auf keinen Fall will ich die Willkür, Ungerechtigkeit, die verpestete Umwelt und Benachteiligung Andersdenkender in diesem System vergessen. Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit, eine Demokratie, die selbst undemokratische Tendenzen aushält, Glaubens- und Gewissensfreiheit, freie Wahlen – all das möchte ich nicht mehr missen. Und nein: Wir haben nicht den Himmel auf Erden. Es hat auch niemand behauptet, dass das alles mühelos und leicht zu haben ist. Aber wie es aussieht, gibt es vorläufig keine bessere Staatsform.

Der andere Dank bezieht sich auf die Ernte; Kirchen werden geschmückt, Erntekronen gebastelt. Der alte DDR-Spruch „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein“ ist zum Glück zusammen mit dem Land von der Bildfläche verschwunden. Besonders in den letzten Jahren haben wir es immer wieder gespürt, dass das nicht die Wahrheit ist. Stattdessen werden wir wieder singen: „Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand.“ Der mutige Pfarrer Oskar Brüsewitz aus der Nähe von Zeitz hat 1975 auf ein Transparent geschrieben: „Ohne Regen, ohne Gott, geht die ganze Welt bankrott.“ Daran sollten wir uns erinnern am Tag der Deutschen Einheit und zum kirchlichen Erntedankfest.
Herzlichst grüßt Sie Ihre Pfarrerin Almuth Wisch